Jobwunder

«Jobwunder Schweiz: 177’000 offene Stellen! 15% mehr ausgeschriebene Stellen als im vergangenen Jahr!» – So verkündete kürzlich die frühmorgendliche Gratiszeitung ihre frohe Botschaft auf der Titelseite, welche eine Teilnehmerin ins Gruppen-Coaching mitgebracht hat. «Und was heisst das nun für uns?», möchte sie gerne wissen. Gute Frage!

Bild: Hannes Rhiner

Wunder

Werden ob diesem Jobwunder anstelle der gewohnten Absagen nun laufend Einladungen zu Vorstellungsgesprächen in meiner Mailbox landen? Kann ich bald zwischen tollen Stellenangeboten jenes auswählen, welches meinen Fähigkeiten und Bedürfnissen am besten entspricht? Habe ich nun auch mit 57 Jahren noch eine reelle Chance auf eine passende Stelle? Erhalte ich – Jobwunder sei Dank – trotz gesundheitlicher Einschränkungen eine geeignete Arbeit? Und erhalte ich nun endlich eine Festanstellung mit fairen Arbeitsbedingungen anstelle der schlecht bezahlten Temporäreinsätze und Praktika? … Ja, so stelle ich mir ein Jobwunder vor: märchenhaft.

Fakten

177’000 offene Stellen. Diesen stehen – wissen Sie wie viele – Stellensuchende gegenüber? Gemäss Bundesamt für Statistik waren es anfangs Jahr etwas mehr als 210’000. Das würde beinahe aufgehen, die Grössenordnung zumindest stimmt. – «Und was heisst das nun für uns?»

Primär – so meine spontane, etwas unbeholfene Einschätzung: weitersuchen und bewerben! Jetzt erst recht, um die Gunst der Stunde zu nutzen! Zugetragen werden die Stellen auch weiterhin bestimmt keinem unserer Stellensuchenden. Grund zur Hoffnung haben jedoch vor allem jene, welche in der Pflege eine Stelle suchen – aber nur dann, wenn sie zumindest über eine entsprechende Grundausbildung, etwas Berufserfahrung und natürliche einen einwandfreien Lebenslauf verfügen. Denn diese Branche figuriert mit den offenen Stellen auf Platz 1 der Rangliste besagter Zeitung.

Auch gelernte Handwerker und qualifizierte IT-Fachleute, Projektleiter und Verkaufsberater können gemäss dieser Erhebung etwas entspannter in die nähere Zukunft schauen. Wesentlich enger sieht das Stellenangebot dagegen für KV-Anstellungen aus. Diese grosse Berufsgruppe schafft es im Ranking der offenen Stellen mit weitem Rückstand nur auf Platz 10, und in der Liste der Wachstumsbranchen erscheint sie schon gar nicht. Und all die wenig Qualifizierten bleiben von diesem Wunder – wie so oft – ausgeschlossen.

Ratschläge

«Und was heisst das nun für uns?» – «Es gibt zwei Strategien», so der Ratschlag des Experten einer Denkfabrik: «Kurzfristig kann es Sinn machen, einen Beruf zu wählen, der jetzt gesucht ist und sich mit einer Weiterbildung Fähigkeiten aneignen, die in diesem Beruf mit der Digitalisierung nützlich sind. Eine zweite Strategie ist, in die Allgemeinbildung zu investieren und flexibel zu bleiben, indem man sich nicht auf eine Branche oder ein Jobprofil versteift. So bleibt man längerfristig auf dem Arbeitsmarkt gefragt.»

Alles klar, liebe Stellensuchende? Sie müssen also nur einen Job wählen, der jetzt gerade gefragt ist und wenn möglich noch eine Informatik-Weiterbildung absolvieren. Und sonst müssen sie einfach flexibel bleiben und in Allgemeinbildung investieren. Dann sollte es schon klappen. Aber beeilen Sie sich, sonst ist die Wunderkerze vielleicht schon abgebrannt und Sie stehen im Dunkeln! Ob ich mit diesen Vor-Schlägen bei meinen Teilnehmenden im Gruppe-Coaching durchkomme?

Praxis

«Und was heisst das nun für uns?» – Primär, ich bleib dabei, weitersuchen und bewerben! Jetzt erst recht! Am praktischen Nutzen der Denkfabrik-Strategien hege ich jedoch Zweifel. Wir vom Stellenetz versuchen darum weiterhin – Jobwunder hin oder her – jeden Einzelnen unserer Teilnehmenden beim Finden passender Antworten in unseren Coachings, Beratungen und Vermittlungen so gut wie möglich zu unterstützen. Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder dauern etwas länger.

Jobwunder Schweiz, 20 Minuten, 5. Februar 2018: http://www.20min.ch/finance/news/story/Jobwunder-19816650



Autor
Hannes Rhiner, Bildung
hannes.rhiner(at)stellennetz-zh.ch

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